Filtern und Sieben

Die Tage bei meinem Vater, einem pensionierten Lehrer, gesessen zum Fußballgucken und nebenbei über dies und das geplaudert. Dabei bemerkte er, daß die Hauptschulen bzw. Werkrealschulen und Realschulen nun wohl ausbluten werden. Auf meine Frage, wie er denn zu dieser Annahme komme, wies er mich darauf hin, daß in Baden-Württemberg die Grundschulempfehlung (also die Empfehlung der bis zu Abschlussklasse besuchten Grundschule für die Wahl der weiterführenden Schule) ihren bisherigen verbindlichen Charakter verliert und die Eltern nunmehr selbst entscheiden können, auf welche Schulart sie ihr Kind schicken.

Das hat mich nun ein bisschen nachdenklich gemacht. Wenn nun also die Eltern selbst entscheiden, welche Schule ihre Kinder besuchen, ist das einerseits gut, da so vielleicht auch Kinder auf das Gymnasium kommen, die es nach Grundschulempfehlung nicht geschafft hätte, obwohl sie dafür geeignet sind – ein gewisser Bias darf bei der Einschätzung von Schülern schon vermutet werden, ohne den Berufsstand der Schulpädagogen gleich in seiner Ehre zu verletzen.

Andererseits sehe ich ein paar mögliche Probleme: Erstens könnte es passieren, daß aufgrund der zunächst höheren Übergangsquote auf das Gymnasium bei den nunmehr weniger gut besuchten Werkrealschulen und Realschulen gespart wird, was sich dann aber als problematisch erweist, wenn SchülerInnen vom Gymnasium auf eine andere Schulart wechseln wollen oder müssen. Und das wird zweitens vermutlich in nicht geringem Maße vorkommen, weil ich mir gut vorstellen kann, daß an den Gymnasien während der ersten Schuljahre (Orientierungsstufe) noch genauer hingeschaut werden wird, welche SchülerInnen als geeignet erscheinen und darauf hingewirkt werden wird, daß diejenigen, bei denen das nicht der Fall zu sein scheint die Schulart wechseln. Dabei befürchte ich drittens, daß SchülerInnen mit Lern- und Verhaltensstörungen wie z. B. Legasthenie, Dyslexie, Dyskalkulie, AD/HS durch eine solche Auslesepraxis besonders benachteiligt werden könnten, da die Möglichkeit, sich solcher Problemfälle durch einen Schulartwechsel zu entledigen, ziemlich verführerisch anmutet. Das spart Geld und entlastet die Damen und Herren Gymnasialpädagogen.

Mir stellt sich angesichts der Abschaffung der verbindlichen Grundschulempfehlung und der Einführung der Werkrealschule sowieso die Frage, warum man nicht gleich konsequent zu Ende denkt und das mehrgliedrige Schulsystem abschafft. Stattdessen könnte es doch nach einer 4-5-jährigen Grundschule eine 5-6-jährige Mittelschule (Sekundarstufe I) für alle geben (nein, keine Gesamtschule, sondern etwas hinreichend binnendifferenziertes mit Unterstützung bei Schwächen und Begabtenförderung, da gab’s doch was im Osten …) und im Anschluß dann die Wahl, ob Oberstufe (die zur allgemeinen Hochschulzugangsberechtigung führt) oder Berufsausbildung oder andere Schulformen wie Berufskollegs und Berufsfachschulen undsoweiter.

Aber das wäre wohl zu revolutionär … *seufz*

Category: alltägliches & abseitiges, Politik & Polemik | Tags: , , Comment »


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